Schilfgasse

Wo kann man in der Niederstadt am schnellsten und einfachsten Schilf finden bzw. zu sehen bekommen?…
Das ist ganz einfach. Man muss nur – zur richtigen Jahreszeit – entlang des Grabens (nicht entlang der Mottlau!) auf dem Weg der Bastionen (z. B. auf der Strecke zwischen den beiden Brücken, die nach Olszynka/Groß Wawlddorf führen) spazieren gehen, und schon zeigen sich uns die Schilfgürtel in ihrer ganzen Pracht am Wasser. Man kann auch in ein Kanu steigen und von Zeit zu Zeit das Paddel in das dichte Gebüsch tauchen, das die Ufer desselben Gewässers umgibt. Auch die Angler, die man manchmal in dieser Gegend antrifft, könnten uns viel über Schilf erzählen. Und Ornithologen. Aber das sind nicht alle Möglichkeiten.
Wenn man an der Straßenbahnhaltestelle Akademia Muzyczna/Musikakademie aussteigt, kann man in Richtung des roten Backsteinhauses in der Weidengasse/Łąkowa-Straße 5 und 6 gehen, vor diesem nach rechts abbiegen (an der Stelle, an der das Haus Łąkowa 4 stand) und entlang der Wand des einen (kürzlich gedämmten) und dann des anderen Gebäudes gehen und um die Ecke nach links abbiegen. Und dann erscheint vor unseren Augen die Straße namens Szuwary/Schilfgasse.
Nur wo ist der Graben, wo sind die Bastionen und wo ist die Straße Szuwary? – könnte jemand fragen…
Wenn wir uns vorstellen, dass einst einer der Entwässerungskanäle dieses Teils von Danzig durch ihre Mitte verlief, dann ist der Zusammenhang zwischen dem Namen dieser Straße und den genannten Pflanzen, die den schlammigen Kanal bewachsen, sehr deutlich. Man muss jedoch wissen, dass dieser Name nicht von Anfang an mit diesem Ort verbunden war.

Zunächst hatte – wie es üblich war (siehe Beispiel der Zielona-Straße/Grüne Weg) – jedes Ufer des Kanals seit 1560 einen eigenen Namen. Entlang des östlichen Ufers ging man die Hühnergasse entlang, entlang des westlichen Ufers die Entengasse. Um einer Frage zuvorzukommen: Die heutige Kurza-Straße/Hühnerberg, die sich in einem ganz anderen Teil der Niederstadt befindet, erhielt ihren Namen erst viel später. Im Jahr 1763 erhielten beide Ufer den gemeinsamen Namen Mittelgasse. Die alte „Vogel”-Benennung wurde jedoch beibehalten, indem man der bisherigen Hühnergasse die hohe Seite und der bisherigen Entengasse die leege Seite hinzufügte. Das Jahr 1814 brachte Änderungen in der Benennung vieler Straßen in der Niederstadt mit sich. Die heutige Dolna-Straße erhielt den Namen Mittelgasse.Die heutige Łąkowa-Straße erhielt auf ihrer gesamten Länge den Namen Weidengasse. Und die Schilfgasse, also die Trzcinowa-Straße oder Szuwarna, eine der früheren Bezeichnungen für den westlichen Teil der Weidengasse zwischen der Reitergasse/Ułańska – und der Straussgasse/Chłodna-Straße, wurde genau der hier besprochenen Straße zwischen der Weidengasse/Łąkowa-Straße und der Kamienna Grobla/Steindamm zugeordnet. Und ähnlich wie auf der erwähnten Łąkowa-Straße verlief damals mitten durch sie eine von Bäumen gesäumte Allee, was auf der vorgestellten Postkarte gut zu sehen ist. In den vergangenen mehr als 200 Jahren wurde der Name Schilfgasse/Szuwarna nur einmal und auch nur geringfügig geändert. Dies geschah nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis heute befindet sich an dieser Stelle die Straße Szuwary.
Die Straße selbst war früher nicht so kurz wie jetzt. Sie kreuzte die Reitergasse/Ułańska-Straße und verband sich auf der anderen Seite mit der heute nicht mehr existierenden Koszarowa-Straße, die den Gebäudekomplex der „gelben“ Kaserne von der nordwestlichen Seite umrundete. Ein Gebäudeteil an der Ecke Szuwary-Straße und Ułańska-Straße mit einem verzierten Fenster an der Spitze ist auf einem Postkartenmotiv von 1914 zu sehen. Zu den statistischen Daten aus demselben Jahr gehört auch, dass in der Schilfgasse damals 10 Wohngebäude und zwei Industrie- und Produktionsgebäude standen. Vielleicht wurden in einem davon die 1921 beworbenen Champagner-Flaschen von Walter Pufahl aus dem deutschen Geisenheim am Rhein gelagert.
Die charakteristischen Gebäude, die nach dem Krieg einige Jahre lang diese Straße dominierten, waren diejenigen, die mit der Arbeiterselbsthilfe-Genossenschaft für den Bau von Heizkesseln und metallverarbeitenden Dienstleistungen in Verbindung standen. Und jetzt steht auf der gleichen Seite der Kindergarten Muszelka (Muschel) mit einem großen Spielplatz, der am 14. September 1964 offiziell eröffnet wurde. Gegenüber dem Kindergarten wurden Anfang der 60er Jahre zwei vierstöckige Wohnblöcke an der Stelle von Mietshäusern errichtet, die dort vor dem Krieg standen. Zuerst wurde das Gebäude näher an der Dolna-Straße gebaut. Und dann das nächste. In einigen Wohnungen leben immer noch die selben Menschen, die als einer der ersten im Jahr 1960 oder 1961 hierher eingezogen sind.

Im Jahr 2016 inszenierten einige humorvolle Nachbarn in einem der Vorgärten eine gruselige Halloween-Szene.

Die vorgestellte Werbung stammt aus der „Danziger Zeitung” – Ausgabe 113 vom 26. Mai 1921. Die Autorin der ersten beiden farbigen Fotos ist Frau Helena Kijak. Die Autorin der Fotos von 2016 ist Elżbieta Woroniecka. Die farbige Postkarte mit dem Blick auf die vor dem Krieg existierende Schilfgasse stammt aus der Sammlung von Jacek Szymański. Sie ist auf den 11. Dezember 1910 datiert. Vielen Dank für die Bereitstellung. Die zweite Postkarte stammt aus der Sammlung der Geschichtserzähler.

Autor des Artikels: Jacek Górski.
Übersetzung – Andreas Kasperski.

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