Zirkusparade in den Straßen Mattenbuden und Langgarten
Im September 1934 kam der riesige Strassburger Zirkus aus den Niederlanden nach Danzig,
um dort aufzutreten. Er baute sein viermastiges Zelt auf dem Gelände des damaligen Dominiks bei der Breitenbach-Brücke, der heutigen Siennicki-Brücke, auf. Und am 22. September (also vor genau 81 Jahren) beschloss er am Samstagvormittag, zur Werbung für seine Vorstellungen eine riesige Parade unter freiem Himmel und eine große „Propaganda”-Kundgebung durch die Straßen von Danzig zu organisieren.
Das Ganze begann an der bereits erwähnten Breitenbach-Brücke. Anschließend zogen die versammelten Teilnehmer durch die Straßen Siennicka/Breitenbachstraße, Angielska Grobla/Englischer Graben und Szafarnia/Schäferei. Hier bog der Umzug in die Stągiewna-Straße/Milchkannengasse ein, um dann geradeaus über den Długi Targ/Langer Markt und die Długa-Straße/Langgasse bis zum Targ Węglowy/Kohlenmarkt und Targ Drzewny/Holzmarkt zu gehen.
Anschließend ging der Umzug über die Garncarska/Töpfergasse, Na Piaskach/Am Sande und Korzenna/Pfefferstadt. Auf dem Hanseplatz bogen alle in die Łagiewniki/Schüsseldamm ein und gingen dann über die Stolarska/Tischlergasse, Bednarska/Bötchergasse und Igielnicka/Nätlergasse, Podwale Staromiejskie/Altstädtischer Graben, U Furty/Am Haustor, Grobla/Damm IV, III und II, um zur Szeroka/Breitegasse zu gelangen. Von dort aus gingen die Zirkusleute und alle, die sich ihnen angeschlossen hatten, durch die Straßen Węglarska/Kohlengasse, Kołodziejska/Große Scharmachergasse, Tkacka/Wollwebergasse, Garbary/Große Gärbergasse und Ogarną/Hundegasse. Über die Kuhbrücke gelangten sie zur Żytnia/Münchengasse und von dort über die Rogoźników-Brücke/Mattenbudenbrücke zur Szopy-Straße/Mattenbuden. Auf der letzten Etappe marschierten alle durch die Długie Ogrody/Langgarten und die Siennicka/Breitenbachstraße, um zum Dominik zurückzukehren.
Das Wetter an diesem Tag war durchwachsen. Teilweise bewölkt, teilweise sonnig. Vereinzelte Schauer und schwacher Wind. Aber das störte dieses einzigartige Unterfangen nicht, dessen Route teilweise durch die Niederstadt führte.
Stellen wir uns nun etwa 200 Zirkusartisten vor – bunte Clowns, muskulöse Gladiatoren, seltsam verkleidete Liliputaner, Cowboys mit Hüten, Indianer, die bedrohlich mit Tomahawks herumfuchteln, schnurrbärtige Kosaken, muskulöse Marokkaner mit Afrofrisuren, Tscherkessen in traditionellen „Tscherkessenkostümen” und geschmeidige ungarische Reiter. Sie alle biegen von der Szafarnia-Straße/Schäferei auf die Mattenbudenbrücke ab. Unter ihnen sind sogar sechs Chinesen und eine Chinesin, die mit Jonglage und Akrobatik auftrumpfen. Dazu spielen zwei Orchester fröhlich Zirkusmelodien. Der Verkehr auf der Mattenbudenbrücke wird für einige Zeit unterbrochen. Autos und Straßenbahnen halten an. Schiffe legen an. Auch die Stauer an den Kais, die Zollbeamten im nahe gelegenen Amt, die Lageristen in beiden Verpackungshallen und die Händlerinnen in Langgarten unterbrechen ihre Arbeit. Jeder möchte sehen, was die Ursache für diese zunehmende Kakophonie von Geräuschen ist…
Und nun ist es Zeit für die zweite Szene. Hier ist die gesamte Zirkusmenagerie. Über 200 Tiere, darunter mehr als 100 Pferde (darunter ein Dutzend schwarze Friesenhengste), die vom Direktor Karol Strassburger und seinem Bruder Hans Strassburger selbst dressiert wurden, eine große Herde Elefanten, Kamele, indonesische Büffel, Zebras, Affen und anderen exotischen Säugetieren strömt in einer lebhaften Welle von der Mattenbudenbrücke und biegt in Mattenbuden ein.
Die Dompteure Orth und Franciszek Adamski bewachen ihre dressierten Füchse und Bären. Und ganz am Ende trottet ein sturer Esel hinterher. Das muss einerseits ein lustiger, andererseits ein unvergesslicher Anblick gewesen sein. Dieser Lärm, dieses Lachen, diese Geräusche der wilden Tiere. Die Menschen kommen aus ihren Häusern oder stehen an den Fenstern. Die Ladenbesitzer unterbrechen für eine Weile ihre Arbeit. Kinder winken fröhlich den Dompteuren zu, ahmen die Affen nach, schneiden den Elefanten Grimassen und quietschen vor Angst, wenn sie das Brüllen der gefährlichen Bären hören. Und als die ausgelassene Menge hinter der Kurve verschwindet und sich dem Langgarter Tor nähert, kehrt langsam wieder Ruhe ein. Nur in einem nahe gelegenen Friseursalon diskutieren die Kunden noch eine Weile über die Parade… In Otto Weides Laden wird darüber gesprochen, wie der Seehund aussieht, der auf den Plakaten erwähnt wird…
und in einigen nahe gelegenen Innenhöfen ahmen Kinder Jongleure, Akrobaten, Athleten, Dompteure und Clowns nach und spielen das kürzlich gesehene Zirkusereignis nach.
Am Vorabend um 20 Uhr fand eine Galavorstellung des Zirkus mit „unübertroffenen Attraktionen und einem Zirkusprogramm, wie es in Danzig noch nie gesehen wurde” statt. Ursprünglich sollte der Zirkus nur acht Tage lang auftreten. Aufgrund der großen Beliebtheit, des enormen Erfolgs, der hundertprozentigen Auslastung und des attraktiven Programms verlängerte er seinen Aufenthalt jedoch bis einschließlich Sonntag, den 30. September.Die Abendvorstellungen begannen immer um 20 Uhr. Die Nachmittagsvorstellungen begannen um 15:30 Uhr und unterschieden sich – was das Repertoire betraf – nicht von den Abendvorstellungen und umfassten höchstwahrscheinlich etwa 30 verschiedene Auftritte, die für unglaubliche Eindrücke sorgten. Zusätzlich fand von 10 Uhr morgens bis 14:30 Uhr nachmittags eine offene und kostenlose Tiervorführung statt, verbunden mit Fütterungen, öffentlichen Proben und Promenadenkonzerten.
Tickets für beide Vorstellungen konnten bereits zwei Stunden vor Mittag an den Kassen des Zirkus erworben werden. Arbeitslose, Rentner und Kriegsversehrte zahlten nach Vorlage ihres Ausweises an der Kasse und am Eingang nur die Hälfte des Preises für einen beliebigen Sitzplatz bei den Abendvorstellungen. Bei den Nachmittagsvorstellungen zahlten alle Erwachsenen und Kinder nur die Hälfte des Preises.
Die dargestellte Ansicht der Breitenbachstraße nach dem Krieg ist eine Reproduktion einer in Bulgarien gedruckten Postkarte. Der Autor des Fotos ist M. Murman. Das Foto der Mattenbudenbrücke stammt aus einem unbekannten Album aus dem Jahr 1941. Die Postkarte „Danzig – Blick auf Mattenbuden” wurde in Hamburg herausgegeben. Serie 625, Nr. 95. Das Porträt der Kinder wurde im Atelier von Emil Boehm in der Poggenpfuhlstraße 80. (Żabi Kruk) aufgenommen. Herkunft aller digitalen Ergänzungen – Sammlung der Geschichtserzähler.
Eine separate Kategorie bilden die drei Zirkusplakate. Sie stammen alle aus dem Circus Museum und werden unter den Bedingungen der Creative Commons CC-BY-SA zur Verfügung gestellt.
Autor des Artikels: Jacek Górski
Übersetzung – Andreas Kasperski.
P.A. Inspiration für diesen Artikel waren Presseberichte von September 1934, in denen über den Besuch des Strassburger Zirkus in Danzig und die für Samstag geplante „große Propagandaparade durch die Hauptstraßen der Stadt” berichtet wurde. Wer weiß – vielleicht war es ja genau so…
