Fotoshooting
Wir, die wir nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, glauben, dass wir viele der heute geltenden Handlungen, Normen und Verhaltensweisen erfunden haben.
Wir glauben, dass die Menschen, die auf alten Fotos so ernst aussehen, auch im Alltag so waren. Auf heutigen Fotos sind wir fröhlich, wir sind ungezwungen, aber manchmal weinen wir auch, und manchmal sieht man auf ihnen auch unseren Schmerz und unsere Verzweiflung. Auf alten Fotos herrschen Ernsthaftigkeit und Zurückhaltung. Die Posen zeugen von Eleganz und Vornehmheit. Haben Sie sich jemals gefragt, warum das so ist? Warum haben die Damen in ihren schönen Kleidern, mit sorgfältig frisierten Haaren, die auf verzierten Sesseln sitzen oder an kunstvollen Tischen in stilvollen Atelierinterieurs stehen, alle denselben ernsten Gesichtsausdruck? Das Gleiche gilt für die Herren. In ihren Gehrocken oder Sportanzügen stehen sie aufrecht, stolz und sehen sehr elegant aus.
Die Art und Weise, wie die Fotos gemacht wurden, unterschied sich stark von der heutigen. Um ein gutes Foto zu machen, musste das Modell während der Belichtung des Films mehrere Minuten lang still stehen… Ich kann mir nicht vorstellen, mehrere Minuten lang gleich zu lächeln, ohne dass sich meine Gesichtsmuskeln verkrampfen. Außerdem wären die Lächeln künstlich und würden nicht besonders gut aussehen. Daher die Ernsthaftigkeit, die alle Porträts ausstrahlen, und die steifen Posen der fotografierten Personen…
Wir sind jedoch auf ein ungewöhnliches Foto gestoßen, genauer gesagt auf eine Fotoserie. Zwei davon sind zwar identisch und unterscheiden sich nur durch die Widmung auf der Rückseite, aber eines (das natürlich dieselbe Person zeigt) weicht von der „Norm” ab.
In das Atelier von Fritz Krause in der Weidengasse 4 kam ein eleganter Herr. Sein Schnurrbart war gemäß den damaligen Modetrends leicht nach oben gebogen, seine Krawatte leicht schief, unter einem gebrochenen Kragen gebunden, sein Jackett einreihig, seine Schuhe geputzt und glänzend. Nichts Besonderes, aber die Haltung, die er einnahm, war ungewöhnlich. Der Herr stand mit verschränkten Armen nonchalant und locker an einen weißen, geschnitzten Tisch gelehnt (der übrigens häufig auf anderen Fotos von Fritz Krause zu sehen ist), oder besser gesagt, er saß auf der Kante dieses Tisches, und obwohl er nicht lächelt, strahlt das Foto eine solche Ruhe und Gelassenheit aus. Und plötzlich sehen wir all diese steifen und ernsten Menschen von anderen Fotos mit ganz anderen Augen…
Hätten sie Kameras aus unserer Zeit gehabt, würden ihre Bilder anders aussehen… Sie wären wie wir heute. Sie lachten, weinten, liebten, litten und wären glücklich. Betrachten Sie alte Fotos und denken Sie doch in diesen Kategorien über sie nach.
Autorin des Textes: Elżbieta Woroniecka.
Übersetzung – Andreas Kasperski.
Alle präsentierten Fotomaterialien stammen aus der Sammlung der Geschichtserzähler der Niederstadt in Danzig.
